Zweiter Bericht der Mediziner-Plattform Mai 20

Bericht vom 10.05.2020

Liebe Kollegen/innen und Freude,

wie wichtig unsere kritischen Info-Mails sind, um uns engmaschig auszutauschen, wird uns gerade in den letzten Wochen Tagen noch deutlicher. Es bildet sich eine breite diffuse Protest-Bewegung gegen die Berliner Corona-Politik heraus.

Viele wollen den Abbau von demokratischen Rechten – unter dem Vorwand Gesundheitsschutz – nicht mehr hinnehmen. Viele sehen sich zurecht von den unwissenschaftlichen und unglaubwürdigen Verlautbarungen des RKI hinters Litcht geführt. Einige lehnen die Kontakteinschränkungen und Hygiene-Regeln grundsätzlich als Eingriff in ihre persönliche Freiheit ab. Darunter mischen sich generelle „Impfgegner“ und Verbreiter von abstrusen rechten Verschwörungstheorien. Das Ganze wird kräftig von AFD und rechten Netzwerken auf nationalistischen Auto-Korsos und Hygiene-Demos angeheizt, wo sich die Rechte als Führer gegen die „Corona-Diktatur“ inszenieren kann. Während bei den vielen ermutigenden 1. Mai-Kundgebungen die Teilnehmerzahlen drastisch eingeschränkt wurden, konnten sich in Stuttgart-Canstatt tausende ohne Schutzmaßnahmen versammeln. Es ist gefährlich, wenn damit ein grundsätzlich notwendiger gesellschaftlicher Konsens über notwendige Schutzmaßnahmen gegen eine menschheitsgefährdende Pandemie aufgebrochen wird. Parallelen zur Corona-Politik Trumps drängen sich auf. Wir wollen deshalb in diesem Info-Mail auch wichtige Argumente liefern gegen die Verharmlosung der Covid-19-Pandemie.

Corona-Lockerungen: Nach der Ministerpräsidentenrunde am 6.5. erklärte Kanzlerin Angela Merkel die erste Phase der Pandemie als beendet und verwies auch auf die Risiken der Corona-Lockerungen: Man könne sich ein Stück Mut leisten, „aber wir müssen vorsichtig bleiben“ – deswegen sei ein „Notfallkonzept“ für den Fall neuer Corona-Ausbrüche auf Landkreisebene beschlossen worden. Das Notfallkonzept wird in die Hände der Länder, Städte und Landkreise gelegt. Diese müssen konkrete Verschärfungen beschließen, wenn die Zahl der Neuinfektionen über 7 Tage die Grenze von 50 Neuinfizierten auf 100.000 Einwohner überschreitet. Erste Hotspots sind in Flüchtlingsunterkünften auf Großbaustellen und Großschlachtbetrieben wie in Coesfeld (inzwischen 190 Neuinfizierte) auszumachen, wo Arbeiter meist aus Süd-Osteuropa unter miesesten sozialen und hygienischen Bedingungen leben und arbeiten müssen. Solange es noch keine flächendeckenen Tests, keine verlässlichen Zahlen über die Verbreitung von CoV-2 gibt und solange nicht gefährdete Personengruppen engmaschig getestet werden, ist dieser „lock-out“ riskant.

Vielleicht war er auch als Vorwärtsstrategie gedacht. Das statistische Zahlenwerk des RKI wurde in den letzten Wochen zunehmend infrage gestellt. Prominente Mediziner wie die ehemalige „Gesundheitsweisen“ Prof. M. Schrappe und Prof. G. Glaeske oder der Pathologe Prof. K. Püschel in einem Thesenpapier hatten eine „fantasievollere Lösungskompetenz“ eingefordert, die über Kontaktsperren und soziale Isolation hinausweise. Die Autoren gehen für die Zukunft von „einem zufälligen, ungesteuerten und keinen linearen Mustern folgenden lokalen Auftreten von Covid 19 aus, wobei die Gesundheitseinrichtungen besonderes betroffen sind“. Mehr als 6500 Pflegekräften haben sich inzwischen angesteckt (s.a. Ärztezeitung 6.5.20). Professor Kekulé fordert umgehend eine Massentestung. Wissenschaftler der Fraunhofer-, Helmholtz-, Leibniz- und Max Planck-Gesellschaften forderten am 28.4.:

1. „Hygienische Maßnahmen, wie z.B. Mundschutz in Geschäften und öffentlichen Plätzen oder Desinfektionsstationen, um Infektionen durch unerkannte Träger zu reduzieren.

2. Testing- und Tracing-Kapazitäten, um lokale Infektionsherde früh zu erkennen, Fälle zu isolieren, enge Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen, vorsorglich zu quarantänisieren und so Ansteckungsketten zu unterbrechen.

3. Adaptive Steuerung von flankierenden kontakteinschränkenden Maßnahmen, um einen erneuten Anstieg der Neuinfektionen zu verhindern.“

Diese Widersprüche unter Medizinern weisen auf grundsätzliche Probleme und Versäumnisse auch des RKI hin. Die zahlreichen Daten und Erkenntnisse von Medizinern und anderen Wissenschaftlern weltweit über die Pathophysiologie, die Immunologie und Therapien wurden nirgendwo richtig zusammengefasst. Das betrifft insbesondere auch Erkenntnisse, die in China und andere ostasiatischen Ländern gewonnen werden konnten. Das erschwert es Medizinern außerordentlich, sachgerecht zu handeln.

Wir erhielten gestern den Hinweis auf den öffentlichen „Hilferuf“ eines anonymen Intensiv-Mediziners aus Selb/Fichtelgebirge. Er ist alarmiert durch seine negativen Erfahrungen mit der voreiligen und viel zu frühzeitigen maschinellen Beatmung von Covid-19-Patienten, die fast alle verstorben seien. Er berichtet über die Diskrepanz zwischen klinischen Befunden und der subjektiven Symptomtik. Wesentlich bessere Ergebnisse seien erzielt worden mit einem „vorsichtigen“ Vorgehen: Verzicht auf Fiebersenkung, symptomatische Therapie, Antioxidantien wie Selen, Vitamin C und D.

Dieser Bericht bestätigt das Verständnis, das wir bislang über die Pathophysiologie von Covid 19 gewinnen konnten. Ein entscheidender Faktor ist der oxidative Stress, der durch die systemische Infektion der Organe (Lunge, Herz, Magen-Darm, Nieren, Leber, Nervensystem) vor allem über ACE-2-Rezeptoren und auch die Infektion der T-Zellen („Zytokin-Sturm“) entsteht. Die systemische Entzündung des Gefäßendothels ist der Grund für Thromboembolien und häufige Mikrothromben. Wichtig ist deshalb die frühzeitige, konsequente und hochdosierte antioxidative Therapie: am wichtigsten die hochdosierte Vit. C-Therapie intravenös, s.a. letztes Info-Mail, aber auch Selen, Zink, Vit. D. Durch Intubation, künstliche Beatmung und unnötige Sauerstofftherapie wird aber der oxidative Stress noch erhöht – und damit die Mortalität. Man kann nur hoffen, dass bei der Entscheidung zur Beatmung von Covid-19-Patienten ökonomische Überlegungen (vielfach höhere Fallpauschale!) keine Rolle spielen. Vor diesem Problem hat vor kurzem öffentlich der bekannte Palliativmediziner Matthias Töns aus Witten gewarnt (s.a. Interview in Rote Fahne 10/2020).

Aus Unverständnis der Pathophysiologie findet heute eine Frühtherapie praktisch gar nicht statt. Die Infizierten werden nur nachhause in die Quarantäne geschickt werden, bis sie die Infektion mehr oder weniger folgenlos überstehen – oder intensivpflichtig werden.

Weitgehend ignoriert wird auch eine erweiterte Labordiagnostik. Sie ist unverzichtbar, um auch bei negativem Abstrich und Serologie eine Diagnose zu stellen, den Verlauf zu beurteilen und stadiengerecht zu therapieren. Ohne ein tieferes Verständnis von Covid-19 wird es nicht möglich sein, die künftig zu erwartenden chronischen Verläufe, wieder auftretende Infektionen und Immunstörungen sachgerecht zu behandeln. Wir werden auch in künftigen Info-Mails Beiträge dazu leisten und freuen uns auf weitere Hinweise und Zuschriften.

Unsicherheiten über Ausbreitung von Covid-19: Laut Heinsberg-Studie ist die Dunkelziffer der Infizierten um das Fünffache höher als bislang vermutet, nämlich 1,8 Mio. bei 162 000 positiv Getesteten. Das bedeutet auch, dass die Sterblichkeitsrate nur 0,37 % beträgt – gegenüber den vom RKI genannten 3-5 %! Erfasst werden aber auch nicht infizierte Patienten, die an „Herzinfarkt“ oder Lungenembolie verstarben und nie getestet wurden. Laut Prof. Streeck ist der verwendete serologische Elisa-Test sehr spezifisch bei nur 1 % falsch positivem Ergebnis.

Das bestätigt unsere Kritik an dem RKI herausgegebenen fragwürdigen Zahlenwerk. Letztes Beispiel: Die im Lagebericht für die Kalenderwoche 17 genannte Zahl von 467 000 Getesteten (davon 25 000 positiv) musste kurz darauf auf 350 000 bzw. 18 000 korrigiert werden! Insgesamt spricht vieles dafür, dass sich die Pandemie bereits im letzten Jahr in Europa (v.a. Italien) und den USA verbreitet hat. In New York fanden sich vor kurzem bei 25 % der Bevölkerung serologisch Antikörper gegen CoV-2.

Antikörper-Tests: Die Testinfrastruktur ist immer noch absolut mangelhaft. Nachdem die Antikörpertests, die von Dutzenden Konzernen in Konkurrenz miteinander entwickelt wurden, berechtigt in der Kritik stehen, kam prompt am 4.5. der große Fernsehauftritt von Spahn und Söder: Sie feierten sich als Gäste des Pharma-Monopols Roche mit dessen neuem Antikörpertest. Noch in diesem Monat wird Roche laut Spahn drei Millionen Bluttests an die Bundesrepublik liefern, zuerst an die Gesundheitseinrichtungen. Danach soll Deutschland monatlich fünf Millionen Tests von Roche erhalten. Für einen wirksamen Kampf gegen die Pandemie werden in der Tat geprüfte und aussagekräftige Tests gebraucht – massenhaft und weltweit! Dass die Tests von Roche den Ansprüchen genügen, ist noch zu beweisen. Zu beachten ist, dass die Antikörper-Tests erst 2-3 Wochen nach der Infektion positiv werden und die Abstrich-Tests nicht ersetzen können. Wir bitten alle Leser des Infobriefes um Mitteilung, welche Beobachtungen Ihr/Sie bei Antikörper-Tests machen, auffällig ist, dass bisher oft erhöhte IgA-Antikörper ohne Erhöhung von IgG-Antikörpern gefunden werden.

Kurzmeldungen:

  • Ärzte wegen entzündlicher Krankheit bei Kindern beunruhigt: Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran zeigt sich beunruhigt über das Auftreten entzündlicher Erkrankungen bei Kindern. Pariser Ärzte hätten ihn alarmiert, weil etwa 15 Kinder aller Altersstufen unter Symptomen wie Fieber, Beschwerden im Verdauungstrakt und Gefäßentzündungen litten. Auch Entzündungen der Herzgefäße träten mitunter auf. Kurz zuvor hatte der britische Gesundheitsminister einige derartige Fälle geschildert. Nach Angaben der britischen Gesundheitsbehörden nahmen in den vergangenen Tagen Erkrankungen bei Kindern zu, die an das Kawasaki-Syndrom erinnerten (Internetausgabe der FAZ, 29.4.20)
  • Remdesivir ist ein weltweit noch nicht zugelassenes Medikament, das bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie erprobt wurde und in kleineren Studien auch bei Covid 19, wo es den Krankenhaus-Aufenhalt um einige Tage verkürzen konnte. Fundierte wissenschaftliche Studien dazu gibt es bislang noch nicht. Dennoch wurde es in den USA ohne die üblichen Zulassungsverfahren zugelassen und von interessierten Kreisen in den Mittelpunkt der Diskussion gebracht. Bei vielen Menschen werden damit Hoffnungen geweckt, aber auch die Illusion, dass der Kampf gegen die Corona Pandemie schon halbwegs im Griff ist. Zweifellos wäre der Vertrieb eines patentierten Medikaments zur Behandlung von Covid 19 wie eine Lizenz zum Gelddrucken. So wundert es nicht, dass seit Januar 2020 die Massenproduktion von Remdesivir vorbereitet wurde. Der US Biotechnologie-Konzern Gilead als Hersteller von Remdesivir ist umstritten, nicht zuletzt wegen völlig überteuerter Medikamente. Für die große „Seriosität“ dieses Unternehmens spricht schon allein, dass seit 1997 Donald Rumsfeld Vorsitzender des Aufsichtsrat war, bis er später Kriegsminister im Irak-Krieg wurde. Zu wünschen wäre, dass sich Remsidivir bewährt als ein Baustein der künftigen Covid-Therapie. Für Impfstoffe und Medikamente gegen Covid 19 darf es aber kein Patentrecht geben – sie gehören der Menschheit.
  • Tübingen – Wissenschaftler der Universität Tübingen und der Universität Lübeck haben in einer Studie einen neuen Mechanismus nachgewiesen, der über den Schlaf das Immunsystem fördert. Das Team um Dr. Luciana Besedovsky und Dr. Stoyan Dimitrov vom Tübinger Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie und Dr. Tanja Lange aus der Lübecker Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie konnte an Probanden zeigen, dass bereits nach drei Stunden ohne Schlaf die Funktion der sogenannten T-Zellen beeinträchtigt war, der weißen Blutzellen, die für die Bekämpfung von Erregern zuständig sind. „T-Zellen zirkulieren ständig im Blutkreislauf und suchen nach Erregern. Die Adhäsion an andere Zellen erlaubt ihnen dabei, im Körper zu wandern und beispielsweise an infizierte Zellen anzudocken, um sie anschließend zu beseitigen“, sagt Erstautor Stoyan Dimitrov. Wie die Studie zeigt, war die Adhäsionsfähigkeit der T-Zellen bei den Probanden ohne Schlaf sichtlich reduziert. Die Studie wurde im Journal of Experimental Medicine veröffentlicht. Sie ist auch wichtig, um die Bedeutung von Schlafstörungen durch Umweltfaktoren und psychosozialen Stress für die Infektiosität und die Verlauf der Covid-19 Infektion zu verstehen.
  • Lungenschäden nach überstandener Covid 19 Infektion: Am 5.5. wurde in WDR 3 aktuell über Lungenschäden berichtet, die bei Feuerwehr-Leuten und Tauchern nach überstandener CoV-2-Infektion festgestellt wurden. Es wird inzwischen gefordert, dass Menschen nach durchgemachten Infektionen bei Tätigkeiten mit Atemschutzgeräten und mit Taucherausrüstung nur noch nach entsprechenden lungenfachärztlichen Untersuchungen eingesetzt werden dürfen. Über langfristige gesundheitliche Einschränkungen durch Covid-19 wurde im Info Mail wiederholt berichtet.
  • Über den genauen Mechanismus der T-Zellen-Infektion durch CoV-2 wird in einem aktuellen Artikel in Cellular and Molecular Immunology berichtet (Xinling Wang et al., April 2020)
  • Bislang hat es das RKI versäumt, entsprechende Studien auch über die immunologischen Veränderungen nach der Infektion zu veranlassen; ebenso die Möglichkeiten geeigneter präventiver Maßnahmen und Frühtherapien zu erforschen. Stattdessen wird die Bevölkerung und auch Mediziner mit diffusen Warnungen vor weiteren Covid-Pandemien im Ungewissen gelassen.
  • Ulla Hedemann von der Initiative „Menschen vor Profite” berichtet empört über eine Podiumsdiskussion im Gesundheitsministerium: „Den fetten Packen von über 1.500 Seiten mit den mehr als 153.000 Unterschriften der Petition hatte ich dabei und wollte sie Gesundheitsminister Spahn übergeben… Herr Spahn ist auf keine der Forderungen von uns Gesundheitsarbeiter*innen eingegangen.“ Das Fallpauschalensystem DRG (Diagnosis related Groups) ist zusammen mit der Unterfinanzierung der Krankenhäuser durch die eigentlich zuständigen Bundesländer das Haupt-Folterinstrument, um Krankenhäuser profitorientiert auszurichten, zu schließen oder den privaten Klinikkonzernen in die Arme zu treiben. https://weact.campact.de/petitions/covid-19-gesundheitsarbeiter-innen-fordern-menschen-vor-profite
  • In einer idealen Welt würden alle Länder im Kampf gegen das Corona-Virus an einem Strang ziehen.“ So beginnt die Schweizer NZZ am 5.5.20 einen Artikel zur Geberkonferenz der EU zur Finanzierung von Impfstoffen. Richtig ist sicherm dass wir eintreten für eine Welt, in der es nicht mehr um Wachstum und Profite um jeden Preis geht, sondern die gemeinsame Lösung der Menschheitsprobleme auf der Agenda steht. Die Covid-19-Pandemie gehört sicher zu diesen Problemen…

In diesem Sinn,

bleibt/bleiben Sie gesund

Ihr Günther Bittel, Willi Mast, Günter Wagner

Medizinerplattform

Die Medizinerplattform gründete sich auf Initiative von Ärztinnen und Ärzten im InterBündnis Anfang März 2020 in unmittelbarer Reaktion auf die durch den Virus SARS-COV-2 ausgelöste Pandemie und erarbeitet schwerpunktmäßig politische Positionen in Fragen des Gesundheitswesens und des Infektionsschutzes auf wissenschaftlicher Grundlage.

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