Infomail zur Corona-Krise November 20

24.11.20

Liebe Kollegen/innen und Freunde,

Aktuell werden große Hoffnungen und Erwartungen in Impfstoffe gegen Covid-19 gesetzt. Zu den vielversprechenden Kandidaten gehören mRNA/DNA- oder Vektorimpfstoffe. Am fortgeschrittensten in der Prüfung sind das deutsche Unternehmen Biontech (Mainz) in Kooperation mit dem US-Konzern Pfizer. Sie verkündeten ermutigende Daten zu dem Impfstoff BNT162b2 – hinsichtlich einer guten Verträglichkeit und einer Wirksamkeit von 90 Prozent. Dieser Impfstoff wird voraussichtlich in den nächsten Wochen zugelassen. Für weitere Impfstoffe der Fa. Curevac (Tübingen) und dem US-Konzern Moderna, sowie des Pharma-Monopols Astra stehen ebenfalls beschleunigte Zulassungen an.

Komplexe Impfstoffe gegen neuartige Krankheiten in so kurzer Zeit zu entwickeln, ist einerseits ein Riesen-Erfolg der modernen medizinischen Forschung und Biotechnologie. Das steht auch in einem auffälligen Gegensatz zu der wenig ambitionierten Impfstoff-Forschung bei anderen millionenfachen Massenkrankheiten wie Malaria, Tuberkulose, AIDS etc., wo die in den letzten Jahrzehnten nur sehr geringe Erfolge zu verzeichnen waren. Sie betreffen ja vor allem Menschen aus ärmeren Ländern…

Auf Grund der besonderen Struktur und Pathophysiologie von CoV-2 sind besondere Hindernisse zu überwinden, insbesondere die Gefahr einer überschießenden Entzündungsreaktion (“Antibody-Enhancement“, ADE). Ein Problem ist sicher auch das bislang noch fehlende Tiermodell (s.a. G.Bittel, W. Mast: Covid-19 – neuartig, Gefährlich, besiegbar, S. 71 ff.)

Der Impfstoff von Biontec enthält kurze Erbabschnitte des Virus, die lediglich Baupläne für Teile des Spike-Proteins von CoV-2 enthalten. Diese werden in den zellulären Apparat weniger Zellen eingeschleust, ohne die Zellen zu schädigen (also keine gentechnische Manipulation, wie das Impfgegener behaupten!). Der Körper produziert somit selbst das nicht infektiöse Virusprotein (Antigen). Dieses wird durch die Freßzellen (Makrophagen) den Immunzellen präsentiert. Das führt dann zur Bildung von schützenden T-Zellen und Antikörpern, die im Falle einer Infektion das Virus eliminieren können. Dieses Impfkonzept wurde bisher bei Tumorimpfstoffen und einem Ebola-Impfstoff erprobt, allerdings gab es noch nie einen Massenanwendung.

Ein Vorteil ist, dass derartige Impfstoffe sehr schnell in großer Menge produziert werden können und dass sie keine Fremdstoffe wie Hühnereiweiss und Konservierungsstoffe enthalten. Ein Nachteil ist, dass sie bei minus 70 Grad gehalten werden, was eine entsprechende Logistik erfordert.

Der Biontec-Impfstoff ist bei Kühlschranklagerung (2-8°) 5 Tage stabil, der Moderna und AstraZeneca-Impfstoff sogar 30 Tage. Dies sollte auch bei der internationalen Verteilung berücksichtig werden in Bezug auf die Länder, die keine flächendeckende Kühl- und Lagermöglichkeiten haben.

Verschiedene wichtige Fragen sind bislang noch nicht geklärt, insbesondere wie lange die schützende Wirkung anhält und ob nicht doch längerfristige negative Nebenwirkungen zu befürchten sind. Unter Berücksichtigung der gravierenden Einschränkung des gesamten gesellschaftlichen Lebens in der gegenwärtigen Pandemie ist die beschleunigte Zulassung dieses Impfstoffs – unter strikten Auflagen (s.u.) aus unserer Sicht zu begrüßen.

Generelle Skepsis und Zweifel an Covid-Impfstoffen halten wir für nicht richtig – ebenso eine kritiklose Propagierung vom Covid-Impfstoffen. Es wäre eine Illusion, mit Covid-Impfungen zum „Normalzustand“, wie vor der Pandemie, zurückzukehren. Wirksame Impfstoffe können nur ein Baustein sein, um diese Pandemie zu besiegen.

Wir geben hiermit auch die Frage in die Runde: Wie ist bei genbasierten Impfstoffen allgemein die Gefahr des Eindringens in das menschliche Genom zu bewerten? Wer kann hier Kontakt zu Fachleuten vermitteln oder verfügt schon über Studien und wissenschaftliche Unterlagen? Die Notwendigkeit von Langzeitprüfungen und -beobachtungen und uneingeschränkter Offenlegung der Ergebnisse unterstreichen wir hiermit.

Bereits jetzt stellt sich in aller Schärfe die Frage, wer künftig über Impfstoffe verfügt, wer Zugang haben soll und wer nicht. Wir begrüßen die von medico international, BUKO Pharma-Kampagne und anderen Organisationen ins Leben gerufene Kampagne für die Aufhebung des Patentschutzes für lebenswichtige Medikamente und Krankheiten („Patente töten“). Angesichts des weltweiten millionenfachen Sterbens auf Grund des fehlenden Zugangs zu bezahlbaren Medikamenten und Impfungen ist dieser Schritt überfällig. Es ist menschenverachtend, wenn Finanzkonzerne und imperialistische Regierungen Impfstoffe benutzen, um Milliardengeschäfte zu machen, um andere Länder zu erpressen und die Covid-Pandemie für ihre Ziele zu missbrauchen.

Mit der Operation „warp speed“, geführt von dem Pharma-Manager Moncef Slaounie und dem 4-Sterne General Gustave Perna will die US-Regierung die Schlacht für sich entscheiden und die Vormachtstellung der US-Impfstoff-Hersteller ausbauen. US-Präsident Trump verglich dieses Programm sogar mit dem „Manhattan Projekt“ zum Bau der Atombombe, Ausdruck einer zutiefst inhumanen imperialistischen Logik.

Wir meinen: Das Patentrecht in seiner bisherigen Form muss grundsätzlich infrage gestellt werden. Erinnert werden soll an die damaligen Worte von Prof. Jonas Salk, Erfinder der Polio-Schluckimpfung: „Dieser Impfstoff gehört der Menschheit…Es gibt kein Patent. Sonst könnte man die Sonne patentieren“.

Für die weitere Diskussion und Konsensbildung machen wir folgende Vorschläge – mit der Bitte um Eure/Ihre kritischen Hinweise und Verbesserungsvorschläge. Damit sollte das Programm mit Sofortforderungen im Kampf gegen die Covid-Pandemie ergänzt und überarbeitet werden:

1. Aussetzung des Patentrechtes. Freier Zugang weltweit für alle Menschen zu einem gut geprüften, sicheren und effektiven Impfstoff. Impfstoffe und lebensnotwendige Medikamente müssen Gemeingut sein. Keine Schnellzulassung unter Umgehung notwendiger Prüfverfahren und Sicherheitsschritte – aber auch keine bürokratische Verzögerung bei der Zulassung z.B. aus Gründen der imperialistischen Konkurrenz.

2. Großstudien über mindestens 3 Jahre zur Effektivität und Verträglichkeit des Impfstoffs, zu Covid-19-Antikörpern und spezifischen T-Zellen, zu Virusmutationen und zur Notwendigkeit von Wiederholungsimpfungen bzw. Anpassung des Impfstoffs an die Virusentwicklung.

3. Schwerpunkt der Covid-19-Impfungen muss im ambulanten Gesundheitssektor liegen, d.h. bei den niedergelassenen Ärzten, Krankenhausambulanzen und werksärztlichen Zentren, die am besten ihre Patienten kennen und dann auch eine entsprechende Nachbeobachtung organisieren können. Dass chronisch kranke und betagte Patienten vor Impfzentren Schlange stehen sollen, ist unzumutbar! Den Einsatz der Bundeswehr bzw. die Organisation von Impfzentren durch das Militär inklusive Transportsicherung durch Soldaten lehnen wir prinzipiell ab als Mittel für eine weitere Militarisierung.

4. Die Reihenfolge der Impfungen muss sich nach streng medizinischen und infektologischen Kriterien richten: Risikopatienten, Beschäftigte in kontaktintensiven Bereichen (Gesundheitswesen, Erzieher, Lehrer, Produktionsarbeiter).

5. Die oben genannten Einrichtungen sind mit entsprechenden Kühlaggregaten auszustatten auf Kosten des Bundes. Der Aufwand für Impfung und Nachbeobachtung ist adäquat zu vergüten. Die Zwischenlagerung zwischen auslieferndem Pharmaunternehmen und den impfenden Ärzten muss durch öffentliche Gesundheitsbehörden organisiert werden.

6. Die Restriktionen in Bezug auf Nachverfolgung der Laborwerte sind ersatzlos aufzuheben, alle Laboruntersuchungen in Zusammenhang mit Covid-19 und der Impfung sind extrabudgetär zu vergüten.

7. Einführung einer Corona-Abgabe zu Lasten von Großvermögen, großer Finanzgesellschaften und Konzerne mit einer Vermögenssteuer bzw. Umsatzsteuer

8. Organisierung der Massenproduktion und der raschen weltweiten Ausgabe des Impfstoffs – im Zeichen der internationalen Solidarität. Keine „Deals“ im Sinne der Macht- und Profitinteresse von Konzernen und Staaten!

9. Die Impfung darf nicht als Alibi missbraucht werden, andere dringend gebotene Gesundheitsmaßnahmen zu unterlassen – in Schulen, Verkehrsbetrieben, Gemeinschaftsunterkünften, Betrieben und beim Umweltschutz. Aufstockung und bessere Bezahlung aller Pflegekräfte!

Wir bitten um Rückmeldungen, Kritiken, Verbesserungen bis Freitag, 27.11., 18 Uhr. Dann werden wir unsere gemeinsamen Forderungen dem Bündnisrat zur Verfügung stellen und diese auch aktiv verbreiten, wozu wir auch auf Ihre/Eure Hilfe zählen!

Am Mittwochabend werden wir mit dem Ergebnis der Ministerpräsidenten-Bundesregierungs-Runde konfrontiert und sollten uns dann ebenfalls zeitnah abstimmen und aktiv werden.

Die bisherigen Argumentationslinien, die öffentlich aufgebaut werden, lauten momentan:

  • „Der Wellenbrecher-Shutdown war erfolgreich, weil das exponentielle Wachstum gebrochen werden konnte.“
  • „Die Zahlen stabilisieren sich auf zu hohem Niveau, deswegen müssen die Beschränkungen beibehalten und verschärft werden.“
  • Auch wenn es dafür keine wirklichen Belege gibt, wird aus dem Kreis der Ministerpräsidenten und Kultusminister notorisch behauptet, die Schulen würden „nur von außen“ infiziert. Wir meinen: Es ist wichtig, die Schulen offen zu halten, dann aber mit halbierten Klassen in täglichem Hybridunterricht z.B. täglicher Wechsel von zwei Präsenzblöcken à 4 Stunden mit einer Hälfte von digital zugeschalteten Schülern. Mit kleinen Lerngruppen und Gewinnung von möglichst vielen pensionierten Lehrkräften, Lehramtsstudenten usw. (Diesen „Aufwand“ wollen die Regierungen wohl unbedingt vermeiden, deswegen werden sogar die Vorschläge des RKI für die Schulen ignoriert, die ab einer Inzidenz von 50 gelten.)
  • Die Betriebe und der ÖPNV werden nach wie vor in der Analyse ausgeblendet. Schutz der ArbeiterInnen in den Betrieben, Verkürzung der Schichten, Abstand, Pausen, FFP 2 Masken, wo der Abstand nicht eingehalten werden kann. Verbot der Arbeit von Infizierten, die keine Symptome haben; Quarantäne für Kontaktpersonen bis zu einem negativen Test 5 Tage nach Kontakt. Verkürzung der Taktfrequenzen beim ÖPNV, keine Ausdünnung des Fahrplans. (zu den Betrieben ist wichtig!!)
  • Die Verantwortlichkeit für das Infektionsgeschehen wird weitgehend auf private Begegnungen eingeschränkt. In Vorbereitung sind deshalb weitere Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich sowie Versammlungs- und Demonstrationsverbote. Den Widerstand dagegen halten wir für dringend notwendig, auch gegen die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes, das am 18.11. verabschiedet wurde und sich nahtlos an die Notstandsgesetze anschließt.
  • Nach wie vor wird die Indikation für PCR-Tests eingeschränkt und flächenhafte Schnelltests verweigert – mit vorgeschobenen und windigen Argumenten, auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)! Auch hier sollten wir Forderungen formulieren und dann eventuell auch einen offenen Brief an die KBV und die Bundesregierung formulieren! In Südtirol wird gerade die ganze Bevölkerung innerhalb von 3 Tagen mit Schnelltests untersucht! Es geht also auch anders!

Wir bitten um Ihre/Eure Vorschläge und Kritik!

Herzliche Grüße, bleibt/bleiben Sie gesund!

Günther Bittel, Willi Mast, Günter Wagner

Medizinerplattform

Die Medizinerplattform gründete sich auf Initiative von Ärztinnen und Ärzten im InterBündnis Anfang März 2020 in unmittelbarer Reaktion auf die durch den Virus SARS-COV-2 ausgelöste Pandemie und erarbeitet schwerpunktmäßig politische Positionen in Fragen des Gesundheitswesens und des Infektionsschutzes auf wissenschaftlicher Grundlage.

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