Erster Bericht der Mediziner Plattform Mai 20

03.05.2020

Liebe Kollegen/innen und Freunde,

zunächst einmal vielen Dank für die vielfältigen Zuschriften, Berichte und Korrespondenzen, die wir in wöchentlicher Abfolge zur Info-Mail unserer Mediziner-Plattform verarbeiten. In ihnen spiegelt sich das große Bedürfnis vieler Kollegen, nicht nur aus dem medizinischen Bereich, sich angesichts der sehr komplexen Corona-bedingten Gesundheits- und gesamtgesellschaftlichen Krise unabhängig von den „mains-stream-Medien“ zu orientieren und möglichst auch selbst einen Beitrag zur Lösung zu leisten.

In den letzten Tagen gab es in vielen Städten Auseinandersetzungen wegen des Verbots von Kundgebungen und Demonstrationen zum 1. Mai. Nach der Kapitulation und dem Rückzug der DGB-Führung bildeten sich Aktionseinheiten, um die 130-jährige Tradition der weltweiten Arbeiterbewegung weiterzuführen. Oftmals mussten Gerichtsurteile bemüht werden, um das fundamentale Recht auf Versammlungsfreiheit durchzusetzen. Die diszipliniert durchgeführten Versammlungen waren auch ein wichtiger Sieg gegen eine Politik, die versucht, unter dem Vorwand von Gesundheitsschutz fundamentale Grundrechte abzubauen (s.a. www.rf-news.de)

In den letzten Tagen geriet das Krisenmanagement der Regierung stärker unter Beschuss, insbesondere die kritikwürdigen und widersprüchlichen Aussagen und Entscheidungen zur Wiederöffnung der Schulen und Kitas. Hier rächen sich die schweren Versäumnisse der letzten Jahren in der Bildungs- und Schulpolitik – mit der Folge von Personalnot, zu große Klassen und Gruppen, Raumnot und hoher Sanierungsbedarf von Kitas und Schulen etc.

Die Entscheidungen werden auch durch aktuelle Erkenntnisse erschwert, wonach Kinder- und Jugendliche in gleichem Maße wie Erwachsene mit CoV-2 infiziert werden und das Virus übertragen können. Aus verschiedenen Ländern gibt es inzwischen auch Berichte über z.T. schwer verlaufende Covid-19-Erkrankungen bei Kindern mit systemischen Entzündungen. https://www.t-online.de/gesundheit/krankheiten-symptome/id_87788922/verbindung-mit-covid-19-schwere-erkrankung-bei-kindern-nimmt-zu.html

Bei der Öffnung von Schulen und Kitas muss also nicht nur auf die strikte Einhaltung von Hygiene- und Schutzmaßnahmen geachtet werden, sondern auch grundlegende Reformen in der Schulpolitik in im Kita-Bereich eingefordert werden.

Verlauf der Pandemie: Im Gegensatz zum weiter unkontrollierten Verlauf in vielen anderen Ländern ist die Pandemie in Deutschland bisher kontrolliert verlaufen. Durch verschiedene berechtigte Maßnahmen und vor allem durch die Disziplin und Achtsamkeit der Bevölkerung geht die Zahl der Neuinfektionen derzeit weiter zurück. Die offiziellen Daten über die Sterblichkeit liegen sicher zu hoch, weil das RKI darauf orientierte, alle „Corona-assiziierten“ Fälle zu erfassen und auf Sektionen zu verzichten. Das stößt zurecht auch unter Pathologen auf Unverständnis, zumal wir dringend ein besseren Verständnis der neuartigen Krankheit benötigen.

Das Auftreten von hot-spots muss ernst genommen werden. Das Dt. Ärzteblatt 18/2020 berichtet über Cluster von infizierten Krankenhaus-Beschäftigten, z.B. am Klinikum in Wolfsburg, aktuell im Ernst-Bergmann-Klinikum in Podsdam mit 174 (!) erkrankten Mitarbeitern. Auf diese Weise können Gesundheitseinrichtungen zu einem Teil des Problems werden – anstatt zu einem Teil der Lösung. Der Zuwachs an neu Infizierten ging in der letzten Woche zu 43 % auf Patienten und Mitarbeitern in medizinischen Einrichtungen und anderen Einrichtungen zurück.

Ein Corona-Hotspot bildet sich auch unter den türkischen Bauarbeitern heraus, die zu Hungerlöhnen unter inakzeptablen sozialen Bedingungen am Bauprojekt Stuttgart 21 beschäftigt werden. Am 22.4. berichtete SWR über 19 infizierte Bauarbeiter, 43 in sogenannten Schutzunterkünften, 90 in Quarantäne.

Durch eine verantwortungslose Politik sind auch mehrere Flüchtlingssammelunterkünfte zu Hot-spots geworden, z.B. in Bremen oder Ellwangen, wo über 300 Flüchtlinge, also zwei Drittel aller Bewohner inzwischen infiziert sind. Zurecht fordern Flüchtlingsinitiativen die sofortige Auflösung derartiger Einrichtungen (www.rf-news.de). Über eine Solidaritätsaktion mit den Flüchtlingen in Moria/Lesbos/Griechenland wird auf www.solididaritaet-international.de berichtet. Die unhaltbaren Zustände stehen in denkwürdigem Gegensatz zu den täglichen Beteuerungen von Politikern, dass der Gesundheitsschutz aller Bürger in der Corona-Krise an oberster Stelle steht.

Ein erbitterter kapitalistischer Konkurrenzkampf ist um die Entwicklung von Impfstoffen entbrannt. Die Zahl der Impfstoffprojekte explodiert.Innerhalb weniger Wochen stieg die Anzahl der durch die WHO erfassten Impfstoffprojekte auf über 100. Die verschiedenen Firmen setzen auf drei unterschiedliche Strategien (Lebendimpfstoffe mit Vektorviren; Totimpfstoffe mit Virusprotein oder genbasierte Impfstoffe in Form von mRNA- und DNA). Fünf haben die Etappe der Erprobung in Tieren erreicht, 10 beginnen mit der Anwendung an Freiwilligen. Vor wenigen Tagen hat das Paul-Ehrlich-Institut erstmals die klinische Prüfung eines Covid-19-Impfstoffs genehmigt.

Hoffnungsvoll erscheint ein in China entwickelter experimenteller Tot-Impfstoff gegen SARS-CoV-2, mit dem Rhesus-Affen als Modell-Tier wirksam geschützt wurden, lt. Forscher um Qiang Gao vom staatlichen Unternehmen Sinovac, s.a. „Biorxiv“ (online 19. April). Gravierende Nebenwirkungen der Impfung wurden nicht registriert, wie etwa Komplikationen durch infektionsverstärkende Antikörper (ADE) oder die bei COVID-19 gefürchteten immunpathologischen Exazerbationen („Zytokin-Sturm“ durch exzessive T-Zell-Reaktionen). Aufgrund der positiven Ergebnisse sollen jetzt klinische Studien mit dem Impfstoff beginnen.

Die Erforschung von Impfstoffen und Therapien erfordert eine bisher nie gekannte weltweite Kooperation von Wissenschaftlern, die sich über den Konkurrenzkampf von Pharma-Monopolen um milliardenschwere Patente und Absatzmärkte hinwegsetzen muss – was letztlich die Überwindung einer Profitorientierten ) Gesellschaftordnung erfordert.

Bemerkenswert ist, dass vor wenigen Tagen die G20 eine gemeinsame Initiative beschlossen hat, um einen Impfstoff für alle Menschen herzustellen. Bundeskanzlerin Merkel hat gemeinsam mit der Präsidentin der EU-Kommission von der Leyen zu einer online-Geberkonferenz eingeladen, um die dafür erforderlichen 8 Mrd. € aufzubringen. Der Impfstoff müsse allen Menschen weltweit zustehen, mögliche Therapien „möglichst vielen Menschen“. Offensichtlich neigen inzwischen einige Repräsentanten führender imperialistischer Länder – im Gegensatz zu D. Trump – angesichts der tiefen Krise jetzt doch zu einem gemeinsamen Vorgehen…

Hochdosiertes Vitamin C zur Prävention und Behandlung von Covid-19

Zwei Meldungen aus China Anfang letzten Monat ließen aufhorchen: dort haben Ärzte Covid-19-Patienten in kritischen Zustand mit hochdosiertem, intravenös injiziertem Vitamin C geheilt. Leider wurde darüber bis jetzt in den hiesigen Medien wenig oder nichts berichtet. Die erste Meldung kommt aus Shanghai. Dort hat das von der Shanghai Medical Association gehostete Netzwerk Chinese Journal of Infectious Diseases am 1. März 2020 einen Bericht mit Empfehlungen zur Behandlung von Covid-19-Patienten herausgegeben, in dem unter anderem die Therapie mit hochdosiertem, intravenös verabreichten Vitamin C offiziell empfohlen wird. Die Dosis wird mit 50 bis 100 mg pro kg Körpergewicht pro Tag für leichte und normale Fälle angegeben, für schwerere Fälle sogar Dosen von 100 bis 200 mg pro kg Körpergewicht pro Tag. Das entspricht ungefähr 4 bis 16 Gramm pro Tag für einen Erwachsenen.

Die zweite Meldung aus China ist eine offizielle Erklärung des Second Affiliated Hospital of Xi’an Jiaotong University (Xibei Hospital) in der Provinz Shaanxi vom 21.2.20:

Am Nachmittag des 20. Februar 2020 wurden weitere 4 Patienten mit schwerer neuer Corona-Pneumonie aus der C10 West-Abteilung des chinesisch-französischen New City Campus des Tongji-Krankenhauses entlassen (…). Heute wurden 8 Patienten aus dem Krankenhaus entlassen.

Nach 10 Tagen praktischer Untersuchung durch das medizinische Team und wiederholten Diskussionen schlug unsere Expertengruppe einen spezifischen Plan für die Kombination von hochdosiertem Vitamin C zur Behandlung des neuen Coronavirus vor und erzielte gute Ergebnisse bei der klinischen Anwendung. (…) Wir glauben, dass bei Patienten mit schwerer und kritischer neuer Lungenentzündung die Vitamin C-Behandlung so bald wie möglich nach der Aufnahme eingeleitet werden sollte. Dies liegt daran, dass die Haupttodesursache das kardiopulmonale Versagen ist, das durch erhöhten akuten oxidativen Stress verursacht wird. (…) Wenn das Virus erhöhten oxidativen Stress und erhöhte Kapillarpermeabilität verursacht, kann die frühzeitige Anwendung großer Dosen Vitamin C eine starke antioxidative Rolle spielen, Entzündungen reduzieren und die Endothelfunktion verbessern. (…) Eine große Anzahl von Studien hat gezeigt, dass die Dosis von Vitamin C einen großen Zusammenhang mit der therapeutischen Wirkung hat. Unsere bisherigen erfolgreichen Erfahrungen (…) zeigen, dass hochdosiertes Vitamin C nicht nur den antiviralen Spiegel verbessern, sondern vor allem akute Lungenverletzungen (ALI) und akute Atemnot (ARDS) verhindern und behandeln kann.“ www.pressenza.com/de/2020/04/hochdosiertes-vitamin-c-zur-praevention-und-behandlung-von-covid-19/

Photodynamische Therapie (PDT) als Therapie bei Covid 19: Wissenschaftler der Marburger Universität und der THM in Gießen setzen auf die Behandlung mit der photodynamischen Therapie, die sich seit längerem in der Therapie anderer Viruserkrankungen als erfolgreich erwiesen hat, s.a. frühere Info-Mails der Mediziner-Plattform. Die Ignoranz von Virologen des RKI gegenüber diesem erfolgversprechenden Verfahren ist erstaunlich. Wiederholte Anfragen auch von unserer Seite blieben unbeantwortet.

Besonders ärgerlich finden es die Wissenschaftler aus Marburg und Gießen, dass sie bereits seit Wochen auf die Möglichkeit hingewiesen hätten und dass jetzt amerikanische Wissenschaftler dies veröffentlichten und diese Errungenschaft für sich in Anspruch nehmen würden. Vor einigen Tagen erschien ein Artikel in einer amerikanischen Fachzeitschrift, der genau diesen Prozess beschreibt, erläutert Wojcik und ergänzt: „Wir hoffen, dass wir schnell die Chance einer Erprobung erhalten, um so möglichst vielen Patienten zu helfen. https://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/wissenschaftler-aus-marburg-und-giessen-setzen-auf-photodynamische-therapie-bei-corona_21602113

CoV-2 infiziert Lymphozyten:

In einem wichtigen Fachartikel beschreiben chinesische Wissenschaftler detailliert, wie CoV-2 Lymphzellen, Schaltzentrallen des Immunsystems, infiziert. https://doi.org/10.1038/s41423-020-0424-9. Daraus lassen sich die Störungen des Immunsystems auch nach überstandener Erstinfektion erklären – wie z.B. die mangelnde Bildung von Gedächtniszellen oder die unzureichende Produktion von dauerhaft schützenden Antikörpern etc.

Nach Überwindung der akuten Infektion gibt es also nicht nur das Problem einer mehr oder weniger häufigen und ausgeprägten systemischen Entzündung – auf Grund der Infektion von verschiedenen Organen und des Gefäß-Endothels über den ACE-2-Rezeptor und weitere Eintrittsmechanismen. Sondern auch eine möglicherweise bleibende immunologische Störung. Funktionell hat also Covid 19 durchaus Gemeinsamkeiten mit HIV bei unvergleichbar höherer Infektiosität – auch wenn es nur verschwindend wenige genetische Gemeinsamkeiten gibt.
Individuelle genetische Faktoren, Umweltbelastungen und die immunologische Ausgangssituation spielen sicher eine wesentliche Rolle, ob die Infektion überwunden wird und wie schwer der Krankheitsverlauf ist.

Kurzmeldungen:

  • Selenmangel als Risikofaktor: Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Selen in der Prävention von COVID-19 Bedeutung hat: Der in unserer Region häufig vorkommende Mangel des Spurenelements erhöht die Mutationsrate und Virulenz von Viren, stärkt oxydative Prozesse und schwächt das Immunsystem (entsprechende Literaturhinweise über die Fa. Biosyn)
  • Das Virostatikum Remdesivir des Gilead-Konzerns nützt COVID-19-Patienten offenbar doch. Nach enttäuschenden Ergebnissen aus einer chinesischen Studie hat jetzt das US-„Institute for Allergy and Infectious Diseases“ (NIAID) vorläufige erste positive Ergebnisse des „Adaptive COVID-19 Treatment Trial“ (ACTT) zu dem Medikament mitgeteilt. Die Studiendaten sind allerdings bisher noch nicht publiziert (Ärztezeitung 30.4.)
  • Avi Schiffmann ist 17 Jahre alt, lebt in Mercer Island bei Seattle (USA), absolvierte die Highschool – und hat die beste Infoseite zur Corona-Pandemie weltweit gebaut! Wer dieser Tage die aktuellsten Zahlen über Ansteckungen, Sterblichkeitsraten, Menschen, die wieder gesund geworden sind etc. weltweit sucht, der kommt an https://ncov2019.live/ nicht vorbei. Die Seite wird minütlich aktualisiert. Avis Software liest sich durch die wichtigsten Info-Seiten weltweit, gleicht die Zahlen mit anderen Quellen ab und veröffentlicht sie dann. Über seine Motivation sagt Avi Schiffmann: „Ich will die Welt verändern!“
  • Die chronische Umweltkrise tritt wieder vermehrt ins Blickfeld und verschärft sich, Trockenheit, Dürre, Waldbrände und beschleunigte Eisschmelze rufen drastisch in Erinnerung, dass hier die Existenz der Menschheit unverändert auf dem Spiel steht. Die chronische Umweltkrise ist auch eine Hauptursache der Pandemie: Umweltverschmutzung, zusammengeballtes Leben in Megacities und Slums, Hunger, Fehlernährung, unhygienische Verhältnisse schwächen das menschliche Immunsystem und bahnen der Pandemie den Weg. Eine aktuelle Studie ( des Harvard T.H. Chan School of Public Health belegt, dass eine Zunahme von 1µg/m3 Feinstaub (PM2,5) mit einer 15%-igen Zunahme der Sterblichkeit bei Covid-19-Erkrankten einherging. (https://projects.iq.harvard.edu/covid-pm)

Soweit für heute. Bleibt/Bleiben Sie gesund!

solidarische und herzliche Grüße

Günther Bittel, Willi Mast und Günter Wagner

Medizinerplattform

Die Medizinerplattform gründete sich auf Initiative von Ärztinnen und Ärzten im InterBündnis Anfang März 2020 in unmittelbarer Reaktion auf die durch den Virus SARS-COV-2 ausgelöste Pandemie und erarbeitet schwerpunktmäßig politische Positionen in Fragen des Gesundheitswesens und des Infektionsschutzes auf wissenschaftlicher Grundlage.

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